NL_01_2021 Das belgische Überraschungsei

Das belgische Überraschungsei

Belgien ist zwar bekannt für seine Schokolade, aber die Metapher der Überschrift bezieht sich vielmehr auf die Überraschungen, die sich unter dem goldgelben Fellkleid einer jungen belgischen Schäferhündin verbargen.

Wie alles begann…

Mitte November erreichte uns der Hilferuf einer befreundeten Trainerkollegin. Sie war auf der Suche nach einem Platz für eine fünf Monate alte Tervueren-Hündin.

Das angehängte Bild zeigte eine wunderschöne, junge Hündin aus einer Leistungszucht. Unsere erwachsene Tochter Belinda verliebte sich augenblicklich in die kleine Fellnase, sodass wir versuchten, etwas mehr Infos zu bekommen.

Patrizia, die Trainerkollegin, war von einem Rentner-Ehepaar zu einer Einzelstunde gebeten worden. Schnell zeigte sich, dass die Besitzer mit der Hündin überfordert waren. Der kleine Wildfang bekam keine Auslastung und hatte wohl schon begonnen ihre Menschen anzuknurren, wenn sie etwas nicht wollte. Patrizia kam schnell zu dem Schluss, dass der Hund ein neues Zuhause brauchte, da die Menschen einerseits nicht gewillt waren, mehr mit der kleinen Hündin zu unternehmen und andererseits unfähig waren, der Hündin klare Grenzen aufzuzeigen. So kamen wir dann ins Spiel.

Man wurde sich schnell einig und wir trafen uns, um die kleine Hündin zu übernehmen. Von da an nahmen die Überraschungen ihren Lauf:

42 strahlend weiße Argumente

Überraschung Nummer 1 war die Tatsache, dass Nala eben nicht nur knurrte, wie die Besitzer gesagt hatten. Im Gegenteil, sie setzte ihre 42 strahlend weißen Argumente sehr zielgerichtet ein. Das mussten wir erkennen, als wir Nala auf dem Heimweg aus der Box holen wollten, damit sie ihr „Geschäft“ machen konnte. Zuerst schnappte sie nach unserer Tochter Belinda. Damit die Hündin mit ihrem Verhalten nicht wieder Erfolg bekam, wollte ich sie nun aus der Box holen. Nala biss dabei fünf, sechs Mal herzhaft in alles, was sie erwischen konnte. In diesem Fall waren dies überwiegend meine Hände. Irgendwann hatte ich die Furie aus dem Auto, aber was nun?

Wer bei CreaCanis den Welpentag CreaPuppy mitgemacht hat, weiß, dass das Seitliegen des Hundes eine wirksame Methode ist, um ohne Gewalt etwas Autorität zu manifestieren. Aus diesem Grund fixierte ich Nala nun ruhig auf der Seite. Es dauerte nicht lange, bis der ganze Hund mit einem tiefen Seufzer weich und entspannt wurde. Ab diesem Moment hat mich Nala niemals wieder angeknurrt oder gar nach mir geschnappt. Die kleine Maus hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine Grenze erfahren, ohne dass man ihr dabei Schmerzen zugefügt hat.

Angst, Unruhe, Distanzlosigkeit: Die Überraschungen häufen sich

Zuhause angekommen zeigte sich, dass Nala vor allem eines hatte – Angst. Im Nachhinein gaben die Vorbesitzer zu, dass sie bereits regelmäßig gebissen hatte. So ganz nebenbei erfuhren wir dabei auch, dass sich offenbar ein Teufelskreis aus Schlägen und Beißen aufgebaut hatte, was Nalas Angst vor Männern erklärte. Schläge – das war Überraschung Nummer 2.

Glücklicherweise hatte Nala innerartlich keine Probleme. Sie ging offen auf unsere Hunde zu – allerdings so offen und distanzlos, dass sie sehr bald eine klare Ansage von unserer Hovawart-Hündin bekam. Überraschung Nummer 3: Offensichtlich hatte die kleine Fellnase niemals vernünftigen Kontakt zu anderen Hunden gehabt. Sie war nicht im Stande die Signale zu erkennen, die ihr sagen sollten „nicht so schnell, nicht so frech, nicht so nah“.

Überraschung Nummer 4 zeigte sich, als wir uns zum ersten Mal einer befahrenen Straße näherten. Die kleine Belgierin flippte völlig aus und ging stehend in den Heckantrieb. Ein erneutes Nachfragen bei den Vorbesitzern ergab, dass Nalas tägliches Gassigehen ausschließlich aus einem Spaziergang im Wald bestanden hatte, um möglichst niemandem zu begegnen. Man hat der armen Maus in der wichtigen Prägephase keine Möglichkeit gegeben, die Welt kennenzulernen. Dass Nala beim Gassigehen bis dato ausschließlich mit Geschirr und Flexi-Leine geführt worden war, bewirkte nur, dass sie unfähig war, auch mal ruhig an der kurzen Leine zu gehen.

Ruhig, das ist das Stichwort. Nala konnte nicht ruhig – nicht von allein. Nala kam nur zur Ruhe, wenn sie an der Hausleine war. Dann war schnell die Luft raus und sie fiel oft in tiefen Schlaf. Bei uns bekam sie Auslastung und Förderung. Daran konnte es also nicht liegen. Diese Unruhe, die Distanzlosigkeit, das Unwissen mit anderen Hunden umzugehen, das alles musste doch einen Grund haben?!

Auf der Suche nach der Ursache kontaktierten wir die Züchterin und erfuhren Überraschung Nummer 5. Nala stammte aus einem Wurf mit fünf Geschwistern. Die Welpen waren per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht worden. Weil die Mutter nicht mehr aus der Narkose aufwachte und keine Amme gefunden wurde, hatten die sechs Welpen also von Stunde null an keine Mutter. Von Hand aufgezogen fehlte dem Wurf also all das, was die Mutter ihren Jungen mitgibt. Ob dies letztlich zu den oben genannten Auffälligkeiten beigetragen hat, kann ich nur mutmaßen. Mit Sicherheit ist es aber eine Bürde, die die Fellnasen zu tragen haben.

Fakt war, dass wir also eine super-clevere belgische Schönheit bei uns hatten. Ich sage bei uns, weil ein Zusammenleben mit Belinda nicht möglich war, denn Überraschung Nummer 6 war, dass Nala offensichtlich in ihrem bisherigen Leben keine Minute allein war. Sie hatte niemals gelernt auch nur kurze Zeit allein zu bleiben. Erstaunlicherweise machte sie niemals etwas kaputt, wenn man das Alleinbleiben übte. Die Lautstärke ihres Protestes hingegen machte es unmöglich, Nala in einem Mehrfamilienhaus allein zu lassen.

Viel schwerer wog aber, dass Belinda, nachdem sie meine zerbissenen Hände hatte erstversorgen müssen, kein Vertrauen zu Nala fassen konnte. Vielleicht hatte sie auch ein wenig Angst vor ihr. Das spürte Nala natürlich und bekam schnell Oberwasser, widersetzte sich Belinda und schnappte auch nach ihr.

Auf der Suche nach einem Zuhause für Nala

So zog Nala zwar bei uns ein, aber schnell war klar, dass sie nicht bleiben konnte. Es gab zunehmend Stress mit unseren beiden Hunden: Während die Hündin ihr immer häufiger die Grenzen zeigen musste, zog sich der pazifistisch veranlagte Rüde immer mehr zurück. Das hatte Arando nicht verdient.

Nala durfte aber auf keinen Fall zu einem Wanderpokal werden. Wir brauchten einen endgültigen Platz bei jemandem, der einen solch cleveren Hund wie unser Tervueren-Mädchen entsprechend fördern konnte, zugleich aber sensibel genug war, um den Besonderheiten Nalas gerecht zu werden.

Dank CreaCanis-Netzwerk zu einem guten Ende

Wieder einmal zeigte sich, dass Beziehungen nur für den doof sind, der keine hat. Durch die hervorragende Vernetzung unter den CreaCanis-Trainern ergab sich bald ein Kontakt, den Dr. Aliki Busse über eine frühere Trainerkollegin an mich weitergeben konnte. Es handelte sich um einen Diensthundeausbilder, der sich auf belgische Schäferhunde spezialisiert hat. Er bildet Hunde u.a. im Bereich Mantrailing, Drogen- oder Sprengstoffsuche für Behörden aus. Nur zehn Minuten nach meiner Mail an ihn bekam ich die Zusage, dass er Nala zu sich nehmen würde. Der persönliche Kontakt gab uns das Gefühl, den richtigen Platz für die kleine Zaubermaus gefunden zu haben, so dass wir uns unter Tränen von ihr verabschiedeten. Sie wird dort gefördert und gefordert werden, wie es ihrem Naturell entspricht.

Im Rückblick:

Diese nur wenige Wochen dauernde Episode gab mir viel zum Nachdenken und ich konnte viel dazu lernen. Fassen wir mal zusammen, was in den kurzen fünf Lebensmonaten von Nala alles schiefgelaufen ist:

  • Die Mutterhündin stirbt bei der Geburt und die Welpen wachsen ohne Prägung durch die Mutter oder eine Amme auf.
  • Fehlende Passung Mensch-Hund: Die Züchterin hat eine Hündin aus einer Leistungszucht an ein Rentner-Ehepaar abgegeben, das nicht gewillt war, den Anforderungen eines belgischen Schäferhundes gerecht zu werden.
  • Fehlende Sozialisierung und Prägung in den ersten Lebenswochen. Es fehlte der normale Umgang mit der Mutter. Später hatte Nala keine Möglichkeit irgendwelche Außenreize unserer Gesellschaft kennen zu lernen. Auch die Chance der Sozialisierung mit anderen Hunden wurde ihr nicht gegeben.
  • Die junge Hündin hatte niemals gelernt allein zu sein.
  • Die Welpenkäufer waren nicht im Stande, dem kleinen Hund klare Regeln zu setzen. Nala musste gänzlich ohne Führung auskommen. Als sie dann ihre eigenen Ideen umsetzen wollte, gab es Schläge und Beißvorfälle.
  • Die Erstbesitzer haben weder der von ihnen kontaktierten Trainerin noch uns auch nur in einem Punkt auf Anhieb die Wahrheit über Nala gesagt.

Vielleicht hilft uns die Betrachtung dieser Punkte uns klar zu machen, was schieflaufen kann und woran wir denken müssen, wenn wir einen Hund zu uns nehmen.

So schön kann das (Hunde-)Leben sein

Für mich war die Erfahrung und das Erleben, wie schnell sich mir die kleine Nala öffnete und wie sie mir vertraute in den kurzen Wochen, die wir miteinander gearbeitet haben, eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich war es, der zum ersten Mal eine Grenze setzte. Es gelang es mir wohl in ihren Augen Führung zu übernehmen, ohne grob oder laut zu werden.

Aber ebenso wie sie mir vertraute, gab sie mir das Gefühl, ihr vertrauen zu können. Keine Sekunde hatte ich beim Balgen mit ihr die Sorge, sie könnte noch einmal zuschnappen. Derselbe Hund, der mir die Hände zerbissen hatte, kam nur drei Tage später auf meinen Schoß und ließ sich den Bauch kraulen.

So schön kann das (Hunde-)Leben sein.

Bernd Seyberth